What's hot?
Hier zitieren wir aus Netzartikeln, die in Relation zu unserer derzeitigen Berichterstattung stehen.
11. August 2008
Quelle: Spiegel Online
WALL-STREET-SKANDAL
Banker am Online-Pranger
Von Marc Pitzke, New York
Pikanter Skandal an der Wall Street: Ein Top-Banker der Großbank Credit Suisse verlor seinen Job - wohl auch, weil ein Rivale ihn im Web erbarmungslos erniedrigt hatte. Die Affäre hat an der Wall Street eine Debatte über die Macht des Internets ausgelöst.
New York - Es klang wie eine dieser üblichen Kündigungen an der Wall Street. Steve Rattner, Managing Director der Großbank Credit Suisse, ziehe sich freiwillig ins Privatleben zurück, erklärte der Konzern knapp. Rattner - der bis dahin DLJ Merchant Banking leitete, den milliardenschweren Private-Equity-Arm von Credit Suisse - wolle "mehr Zeit mit seiner Familie verbringen".
So weit, so diskret. Es waren die altbekannten Sprachformeln, hinter denen sich alle möglichen Variationen eines Karriereknicks verbergen lassen: Zwangspensionierung, Rauswurf, Degradierung. Dieser Abgang indes beschäftigt die New Yorker Finanzszene seither über alle Maßen. Die Hintergründe sind derart grotesk, dass die Wall Street seit Tagen kaum ein anderes Thema kennt - als willkommene Ablenkung vom trüben Trott der Kreditkrise.
Die Zutaten dieser Saga, die am Ende auch eine Parabel auf die unbändige Macht des Internets ist: ein Seitensprung, ein nach Rache sinnender gehörnter Gatte, ein spendabler Millionärs-Nebenbuhler und exotische Jetset-Schauplätze wie Monaco, Macao, Hongkong, die Philippinen.
Rattner hatte einen stillen, doch lukrativen Wall-Street-Job. Der Finanzier arbeitete seit 1985 für DLJ, eine ehemalige Investmentbank, die im Jahr 2000 von Credit Suisse geschluckt und zur Private-Equity-Abteilung umgebaut wurde. Im Gegensatz zu seinem Namensvetter - dem prominenten Großinvestor Steven Rattner, der eng mit dem New Yorker Bürgermeister Michael Bloomberg befreundet ist und dessen Vermögen verwaltet - wirkte dieser Rattner lieber im Schatten.
Ein Kind von Traurigkeit war der unbekanntere Rattner indes nicht. Vor fünf Jahren hatte der verheiratete Vater eine Affäre mit einer ebenfalls verheirateten Frau. Er gibt den Seitensprung heute offen zu und bereut die ganze Sache.
Die Liebelei, schreibt die bei solch intimen Verstrickungen sonst eher zugeknöpfte "New York Times", habe sich in London abgespielt. "Schließlich brach er das Liebesabenteuer ab, beichtete es seiner Frau und bemühte sich anschließend darum, seine Ehe zu retten." Das gelobte Rattner in der "NYT" sogar persönlich, mit dem Schwur: "Ich liebe meine Frau und Kinder mehr als das Leben selbst."
Damit hätte die Affäre ihr Ende finden können. Tatsächlich aber wurde es jetzt erst richtig spannend. Plötzlich nahm die Geschichte eine für Rattner unangenehme Wendung, deren Verlauf hier jeder seit Wochen auf den Klatschblogs und Websites mitverfolgen kann.
Denn dort, in Diskussionsforen und Online-Kommentarspalten, fand sich immer wieder der gleiche, wutschnaubende Eintrag, gefolgt von seitenlangen Tiraden: "Steve Rattner hat meiner Frau 500.000 Dollar gezahlt, um mich zu verlassen!" Das "New York Magazine" versuchte, die Postings - die mit den Themen der Foren nie etwas zu tun hatten - von seiner Website zu tilgen, doch der Verfasser war schneller. Er lud "alle fünf Sekunden" nach, klagt das Blatt, "während wir ihn löschten".
Der Autor verbarg sich hinter stets wechselnden, kaum zweideutigen Kürzeln: "UPSET08", "CRAZY10", "ahmp1ssed0ff". Doch seine Identität blieb nicht lange anonym. Bald kam heraus, dass der australische Discjockey und Modedesigner Tommii Cosgrove dahinter steckt. Cosgrove ist der nunmehr geschiedene Ehemann besagter Dame, mit der Rattner das Verhältnis hatte.
Cosgroves endlose Online-Schimpfkanonaden geisterten bald kreuz und quer durch den Cyberspace - vom "New York Magazine" über die "New York Times", den "New York Observer", "MySpace", "Facebook" und den Klatschblog "Gawker" bis hin zu phantasievollen Websites, die Cosgrove offenbar nur zu einem Anlass angelegt hatte - um Rattner niederzumachen. Es war ein virtueller Pranger.
Wochenlang führte Cosgrove seine Internet-Vendetta. Rattner habe Cosgroves damalige Frau Kelly in London kennengelernt. Er habe ihr nicht nur eine halbe Million Dollar gegeben, um Cosgrove zu verlassen, sondern auch "einen Ferrari, ein Haus und noch mehr Bargeld" - wie Richard Gere im Film "Pretty Woman".
Er habe sie mit "exotischen Geschenken und Juwelen, Designerklamotten und Trips nach Macao, Hongkong, auf die Philippinen, nach Frankreich, Monaco und London überschüttet". Nach einer Weile habe er sie "für ein jüngeres Model" verlassen. "Es ist atemberaubend, was die Reichen alles tun, um eine Frau zu kriegen", wetterte der gehörnte Gatte. "Zu dumm, wenn die avisierte Dame die Frau eines anderen ist. Reiche denken, sie könnten sich alles kaufen."
Cosgrove indes beließ es nicht bei der Detailberichterstattung. Er veröffentlichte auch Rattners Büronummer und seine interne E-Mail-Adresse bei Credit Suisse. Er schickte weitschweifige Mails an Rattners Kollegen und Klienten. Es war elektronisches Mobbing.
Unterdessen sorgte der Zank für eine rege Debatte beim Publikum. Unbeteiligte begannen auf den Websites, öffentlich Partei zu ergreifen. Die einen hielten zu Rattner: Er werde verunglimpft - das Ganze sei ein Paradebeispiel für die zerstörerische Kraft des Internets. Andere unterstützten Cosgrove: Die Geschichte sei vielmehr ein Exempel für die egalitäre Kraft des Webs. Selbst der prominentere Namensvetter Steven Rattner meldete sich: Er wolle klarstellen, dass es sich hierbei nicht um ihn handele.
Der betroffene Steve Rattner wies die Vorwürfe zurück. "Fast alles, was Mr. Cosgrove behauptet, ist entweder falsch oder eine grobe Übertreibung." Seinen Job konnte er dadurch nicht retten. Zwei Monate schwieg Credit Suisse, obwohl alle längst über den Skandal raunten. Schließlich hatte Rattner - selbst wenn die Anschuldigungen korrekt sein sollten - nichts getan, was gegen den Firmenkodex verstieß.
Intern jedoch, so war zu hören, wuchsen Bedenken. Man sei besorgt gewesen, Rattner könnte zur "Last" für das Unternehmen werden. Schließlich erklärte die Bank, Rattners Stelle werde von einer Kollegin übernommen. Und, fast nebenbei: Rattner habe beschlossen, sich zur Ruhe zu setzen.
"Gerede mit Konsequenzen", resümiert der Börsenblog "Dealbreaker" und verweist, wie auch andere Kommentatoren, auf die aktuelle Debatte an der Wall Street über die zerstörerische Wirkung von Gerüchten, die selbst große Firmen wie Bear Stearns zu Fall bringen könnten (mehr...). Wieder andere amüsieren sich darüber, dass "NYT"-Kolumnist Andrew Ross Sorkin, der Rattner explizit in Schutz nimmt, ihn wiederum nun vollends gedemütigt habe, indem er die ganze Affäre in die respektablen Spalten der "NYT" gezerrt habe.
Rattner jedenfalls steht vor einem Scherbenhaufen. "Ich komme mir vor wie der Star eines schlechten Fernsehfilms", sagte er zu Sorkin. "Es ist einfach unglaublich. Und es gibt keine Möglichkeit, sich zu wehren." Cosgrove dagegen scheint sich mit Rattners Demission am Ziel zu sehen. In seinem "MySpace"-Profil markierte er seine gegenwärtige Stimmung als "triumphal".
Kommentar Text-Kontor:
Der Artikel zeigt eindrucksvoll, wie verbreitet Internetmobbing mittlerweile ist. Leider läßt er unerwähnt, wie amerikanisches und deutsches Recht mit so etwas umgehen. Aus Insiderkreisen in NYC ist zu hören, dass sowohl Rattner, als auch die Credit Suisse derzeit juristische Schritte vorbereiten, bzw. prüfen. Denn der Ausfall eines Mitarbeiters, als auch dessen entgangene Gehälter stellen einen erheblichen Vermögensschaden dar. Unabhängig von strafrechtlichen Sanktionen muss der Schädiger in solchen Fällen auch in Deutschland mit empfindlichen Schadenersatzforderungen rechnen. Da dürfte die Stimmung von Schädigern bald nicht mehr "triumphal" sein.